Kerstin Bober

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Text: Jürgen / Bild: Kerstin

Projekt Text Bild — Kerstin Bober am 29. Dezember 2011  

Aus dem Weg

In der Straßenbahn halte ich mich an einer der Halteschlaufen fest. Ich lasse sie immer wieder los, in der Hoffnung nach hinten geschleudert zu werden, vielleicht auf einen spitzen

Gegenstand. Die Halteschlaufen sind Galgen. Mit der Hand fasse ich sie an: straffes Plastik. Hunderte baumeln zwischen den Fahrgästen. Die Straßenbahn fährt in einen der dunklen Tunnel, die Hinrichtungen werden vorbereitet, unaufhaltsam fischen die Galgen nach den Köpfen der Fahrgäste. Die Straßenbahn bleibt stehen. Die Fahrgäste sind still geworden.

»Eine kleine technische Widrigkeit, es wird … ich hoffe es wird gleich behoben sein«, ruft der Schaffner durch die Lautsprecher. Im schwach beleuchteten Tunnel laufen Kabel entlang, die Telefon- und Elektrizitätsleitungen der Stadt.

Der Beton des Tunnels ist plötzlich voller Regenschlieren. Woher kommt das Wasser? Gleich wird der Schacht vollgelaufen sein. »Durch eine unvorhersehbare technische Panne ertranken einhundertzweiundzwanzig Fahrgäste«, wird morgen in der Lokalpresse zu lesen sein, vielleicht sogar in allen Zeitungen der Republik.

Die Augen schließen, während ich Auto fahre. »Eins, zwei, drei, … vier«, zähle ich, öffne die Augen – und es ist nichts geschehen. Ich hätte auf einen Lastwagen prallen können, eine Straßenlaterne rammen. Bisher zählte ich bis vier, denn ich wollte weder Passanten noch Hunde überfahren. Auf der Autobahn zähle ich bis drei. Zumeist hupen die ersten bereits, wenn ich bis zwei gezählt habe. Einmal streifte ich die Leitplanke, sie war leicht eingedrückt, ebenso meine Fahrertür. Eines Tages werde ich bis sieben oder sogar bis zu meiner Lieblingszahl elf zählen.

Vor einigen Jahren stand ich zwei Stunden lang im Schnee auf einer Brücke, darunter fuhren im Stundentakt Züge. Mich schreckten die Hochspannungsleitungen ab, auch die Schilder »Bitte nicht betreten, Hochspannung, lebensgefährlich«, die ganz in Orange, wie kleine lachende Zuschauer herumstehen.

Ein naher Bekannter stach sich das Messer in die Brust, wollte das Herz treffen und traf nur einen dummen Knochen. Er wollte sich gleich danach, blutend, von einer Brücke stürzen und

brach sich beim Treppensteigen im Hausflur das Bein. Seine Nachbarin schaffte ihn ins Krankenhaus. Wochen danach fuhr er mit einem Bus, der eine Böschung herunterstürzte, er war der einzige Überlebende.

Zielstrebig fliegt die Motte auf ihre Sonne zu, ruht aus und verglüht. Eine Biene wirft sich immer wieder genüsslich auf die Glühbirne. Nach nicht einmal zwei Minuten liegt ihr gebogener Leib auf dem Boden. Ihr Stachel hat sie, wie die Gipfelflagge eines Bergsteigers, in ihren eigenen Leib gerammt.

Bild: Kerstin / Text: Jürgen

Projekt Text Bild — Kerstin Bober am 15. Dezember 2011  


Die Fischersfrau

Müde, selbst die Fische, das spürte sie, sind müde.
Autos hupen, Ginkgo Blätter rascheln, jetzt fällt auch noch der Besen um. Sie hält den Atem an. Riecht den frischen Fisch.

Sie streicht über die Schuppen der glatten, ungeduldigen Fische. Heute Nacht hatte sie nicht träumen können, lag wach, obwohl der Vollmond doch von dicken Wolken verdeckt war.

Fischsuppe mit Ingwer, Curry, Zitronengras, Koriander. Und ihr Mann mit Fischhänden, Stoppelhaar und grauem Schweigen. Sie war aufgestanden hatte ihre Tagebücher nach draußen gebracht, dann den leeren Bücherschrank.

Es war kalt, das Feuer kroch in die Seiten. Der Wind wehte die Asche davon. Den mageren Rest fegte sie zusammen.

»Presst man die Augen stark zusammen sieht man Fische schwimmen.«, sagt sie zu den Fischen und atmet erleichtert wieder aus.

 

Jürgen: Text / Kerstin: Bild

Projekt Text Bild — Kerstin Bober am 15. Dezember 2011  

Rast

Er hatte sich nicht verfahren. Er war sich sicher. Die Autobahnabfahrt war die richtige. Aber er hatte das Gefühl etwas dringendes nicht erledigt zu haben.

»Zwei Stunden überzogen«, dachte er und schlängelte sich in die Einfahrt des Rasthofs ein. Hier fand er eigentlich immer Platz für seinen LKW, der mit seinem Anhänger über zehn Meter lang maß. Ein blauer Porsche blockierte die Einfahrt.

»Affengesicht«, schrie er und hupte zwei Mal. Der Porsche blieb stehen.
»Kamelarsch«, er hupte noch einmal. Der Porsche fuhr weiter.

Er stellt den LKW ab. Nur noch sechs Stunden Schlaf, morgen musste er bereits in Athen sein. Heute lag er zwanzig Kilometer vor München. Ein Unfall auf der B3 warf ihn drei Stunden zurück. Seit zwölf Jahren fuhr er den LKW, seit elf Jahren wohnte er alleine außerhalb von Hannover. Seit fünf Jahren transportierte er Holz, davor Gefahrengut, das gab mehr Geld, aber Holz fuhr er lieber, es roch besser. In Athen wartete eine Ladung Holz auf ihn.

Aber was war es, was er vergessen hatte? Er schaute sich um, sah in den Rückspiegel, seine Hände, auf das Lenkrad, den leeren Sitz neben sich, sah auf die Straße. Er stieg aus, erleichtert. Hunger verspürte er nicht mehr, auch keine Müdigkeit. Er prüfte die Stärke der Straße. Wie viele tausende von Kilometer fuhr er eigentlich schon auf den Straßen? Er schaute auf den schwarzen Teerbelag, stampfte kurz auf. Alles fest und hart. Aber das dürfte keine Schwierigkeiten machen. Hinter dem Rücksitz lag noch das Werkzeug vom Hausbau.

Er schaltete das Handy aus, dann macht er sich an die Arbeit.
Direkt neben seinem LKW fing er an. Die Spitzhacke senkte sich auf die Straße – ein winziges Loch. Er holte aus, der Teerbelag hatte nachgegeben. Endlich. Nach zwanzig Minuten hatte die Spitzhacke ein handballengroßes Loch gehauen. Das musste reichen. Das war es. Er setzte sich neben das Loch und grub jetzt mit den Händen weiter. Sand, Kieselsteine, Erde.
In jede freie Tasche, Hose, Jacke, Hemd, füllte er Erde. Er stand auf, nahm die Spitzhacke, legte sie wieder hinter den Rücksitz.

»Athen, Griechenland«, dachte er, »Holz, dieser Geruch, fast so gut wie Laub oder Erde.«
Dann ging er langsam, mit einem Grinsen zum Rasthof.

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