Kerstin Bober

Grafik | Comic | Text

BILD: Kerstin TEXT: Sylvia Hagenbach

Projekt — Kerstin Bober am 22. November 2007  

Moench

 

es wäre so einfach, weiter zu wandern. ins blaue hinein wo der wind ein
lied erzählt. ich und der wind und das meer und der himmel, wir würden
singen. ein lied von blüten- und sternenstaub. der wind fährt in das
orangene segel, ich klappe meinen schirm zusammen und steche in den
himmel. die wind- und wetterfahrt beginnt und über den wellen verliere
ich meine sandalen, die wie nussschalen ins rauschende blau hinein
sausen. nussschalenschiffchen wellenkammauf, wellenkammab, bis ich sie
aus den augen verliere.
ich halte das segel fest, das orangene segel, und der wind singt noch
immer. ich habe die melodie vergessen und beobachte die sterne, sehe wie
der skorpion den schützen beisst, der schütze vor schreck seinen pfeil
abschießt und die waageschalen zum wackeln bringt. der stier galoppiert
die milchstraße entlang und ruft nach den seekühen, die bei fisch und
krebs unterm wasserspiegel sitzen und sich kämmen. bei ihnen sind
jungfrau und zwillinge und spielen skat, während der wassermann mit der
nixe schäkert. aus ihren augen rollen perlen, die der wassermann in
einem kescher sammelt und von zeit zu zeit den austern zum fraß
vorwirft. am horizont, ganz fern,
taucht eine insel auf. Dort liegen steinbock, widder und löwe friedlich
beisammen und lecken einander das fell.

jetzt spanne ich meinen schirm auf, lasse das segel los und lande am
strand. die tiere stehen auf, beschnuppern mich und laden mich ein, mich
zu ihnen zu legen. das tue ich, beobachte wellen und warte, bis das meer
meine sandalen wieder ausspuckt. dann werde ich meine nächste reise
beginnen…

Text: „Schreibtischtraum“ Sylvia Hagenbach Bild: Kerstin

Projekt — Kerstin Bober am 17. November 2007  

Schreibtischtraum

 

*Schreibtischtraum
*Sie sagen, es sei Meditation, eine tiefe Versenkung. Dem
Gedankengeplapper würde der Hals zugedreht. Schluss mit dem
immerwährenden Geknaster und Geknautsch, Schluss mit dem Gebrasel und
Gebrumm. Schluss. Endlich Schluss. Leer. Still. Nur noch das Kratzen des
Stiftes, der Feder, der Kohle, der Kreide auf dem Papier. Die Augen
sausen hin und her zwischen dem Modell und dem Blatt. Stifte stehen
aufgerichtet im blauen Glas mit dem Goldrand. Filzer, Buntstifte,
Kugelschreiber, zwei neue Kohlestifte. Bleistifte. Es ist spät. Der
Stift jagt über das Papier und erschafft eine Form aus hell und dunkel,
Licht und Schatten. Schließlich wird er hingelegt. Die Augen sind müde.
Die Hand ist müde. Der Traum beginnt. Der Traum von den Figuren, Formen,
Geschichten, die in all den Stiften schlummern. Lange rote, blaue,
gelbe, schwarze Stifte, orangene, gelbe, ach es ist kein Ende zu finden.
Bleiben die Stifte stehen im Glas, können die Geschichten und Bilder
nicht heraus, sie bleiben eingesperrt und unerzählt. Wie viele Stifte in
dem Glas stehen und warten…

Der rote will vielleicht ein Bild erzählen von einem Blutbad oder einem
zerbrochenen Herzen oder einem Granatapfel auf einem festlich gedeckten
Tisch. Der blaue von Prinzessinnenaugen, die in den Himmel schauen. Weil
da vielleicht der Wolkenprinz sitzt und sich nach der blauäugigen
Prinzessin sehnt. Und der grüne über irische Wiesen oder
grünspanbedeckte Bronzekönige, die auf ihrem Pferden den Bahnhof
bewachen. Oder vom Jäger aus Kurpfalz, der durch den grünen Wald…

Man muss die Stifte befreien — deshalb. Und schon träumen die Träume
weiter…

BILD: Kerstin TEXT: Sylvia Hagenbach

Projekt — Kerstin Bober am 5. November 2007  

2007 1024Projekt0097

 

fangen. jagen. jäger bin ich, gebannt im kreis.
herum. herum. muss mich strecken, schreien und rufen.
fort sind sie, blitzeschnell, wenn der kreis nicht hält.
jäger bin ich, gefangen im kreis. fangen, jagen die schatten,
blattschatten, nachtschatten. herum. herum. herum. zuschlagen,
krallen schlagen, hinein, hinein. muss sie packen, halten, die
windgeschöpfe, packen, krallen schlagen. haltlos sind sie, wenn ich
nicht bin…

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